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Mittwoch, Juli 28, 2004

Kultur meets Popkultur

Geografie ist eine lustige Sache, ganz zu schweigen wenn es dabei um Gebiete geht, ueber die weltweit mehrere verschiedene Meinungen zu finden sind. Im heutigen Lehrteil unserer Summerschool wurden wir ueber die Topografie Chinas aus der Sicht der chinesischen Regierung aufgeklaert. Der hoechste Berg Chinas ist somit auch gleich der hoechste Berg der Welt (liegt in TIBET), die groesste Insel Chinas findet sich in westlichen Buechern unter dem Namen TAIWAN als eigener Staat wieder. Zudem muss es laut unserer Dozentin eine wahre Freude sein als Minderheit in China zu leben: Natuerlich respektiert die chinesische Regierung die Sprache und Kultur der 18 anerkannten Minderheiten.
Es ist teilweise sehr schwer, hier den Vortraegen der Dozenten zu lauschen ohne seine eigene Meinung zu sehr nach Aussen wirken zu lassen. Ein starkes Husten bei der Nennung TAIWANs als groesste Insel oder eine Zwischenfrage zum Thema "Freiheit der kulturellen Entfaltung in Tibet" sind hier wohl das Maximum an Moeglichkeiten, die sich zur Einmischung bieten. Interessanterweise kann man aber auch an der Sprache des jeweiligen Dozenten ablesen, ob er seine persoenliche, linientreue Meinung referiert oder aber eher die offizielle Linie wiedergibt weil es seine Pflicht ist.
Die Kaligrafiestunden am Nachmittag bescherten uns dann den bisher wohl besten Dozenten, mit sehr viel Enthusiamus fuehrte er uns in die Grundkentnisse der chinesischen Schrift ein. Als wir dann mit Tusche und Pinsel am Ende selbst unsere ersten Zeichen zu Papier bringen konnten, hatte er natuerlich alle Anwesenden auf seiner Seite. Die bei vielen anderen Dozenten meist mit einem freudigen "Yes!" beantwortete Frage ueber den Wunsch nach einer Pause wurde heute zum ersten mal einstimmig mit einem Nein beantwortet.
Im Laufe des Tages verdichteten sich die Geruechte ueber den abendlichen Besuch der Peking-Oper, zusammen mit unserer Gruppe und vielen anderen Studenten aus dem Wohnheim ging es per Bus in Richtung City. In den meisten Buechern wird eine Peking-Oper als 5-6 stuendiger Marathon aus Gesang, Musik, Akrobtatik und KungFu beschrieben, bei dem selbst viele Chinesen nach der Haelfte der Zeit schon nach Hause aufberechen. Darueber, dass die erwartete Zeit dann doch nicht erreicht wurde (unsere Vorstellung dauerte eine knappe Stunde), waren die Meinungen unserer Mitbesucher dann aber etwas geteilt ;-)
Nach dem ersten Essen in der Uni-Mensa am Mittag hatten wir nun doch mal wieder Hunger auf etwas europaeisches (oder auch nicht ;-) und goennten uns auf dem Weg zur Pekinger ExPat-Disco "Vics" ein BigMacMenu fuer schlappe 17 Yuan, also umgerechnet nur 1,70 Euro. Fuer chinesische Verhaeltnisse mag das auch schon nicht billig sein, dafuer waren die Preise in der Disco dann noch gesalzener: 20 Yuan Einritt, ein Bier 25 Yuan und Cocktails fuer 30-45 Yuan. Fuer uns Europaer Preise wie zu Hause bei einer Happy-Hour, aber aus der Sicht eines Chinesen kommt man fuer den Preis eines kompletten Abendessen mit vier Personen gerade einmal rein in den Laden und trinkt zwei Bier. Dementsprechend sahen auch die Gaeste aus: Neben vielleicht 30% Upper-Class-Chinesen treffen sich hier die Reisenden und beruflich in Peking Lebenden aller Nationen. Mehr Mult-Kulti habe ich in einem solchen Laden bisher noch nicht gesehen...

Chinese land, population and ethnic issues

Ich hatte immer ein voellig falsches Bild von China. Endlich, durch die Vorlesungen, kann ich hier erfahren, dass China eigentlich das beste, toleranteste und fortschrittlichste Land der Welt ist - zumindest versucht man und das zu verklickern.Zunaechst wurde uns eine Karte mit dem chinesischen Grenzverlauf gezeigt - aus unserer Sicht wahrscheinlich so, als wuerde man eine Karte vom deutschen Reich zeigen und das den Chinesen als die heutigen Staatsgrenzen verkaufen. Taiwan, Tibet, die umstrittenen Gebiete in der Mongolei - natuerlich alles Teile des Landes der Mitte.China hat 15 angrenzende Nachbarstaaten, wozu Japan natuerlich nicht zaehlt, denn Japan ist ja eine Inselgruppe - mit den Japanern etwas teilen zu muessen, und sei es eine gemeinsame Grenze, ist fuer die Chinesen anscheinend das schlimmste, was sein kann. Das Problem ist, dass es nie eine Aussoehnung zwischen China und Japan gegeben hat, wie es sie mit den deutschen Nachbaarstaaten und dem kriegsverursachenden Deutschland gibt.Jede Menge Zahlen und Fakten zur Bevoelkerungsentwicklung wurden uns praesentiert. Wegen der 1,3 Milliarden Menschen in China ist die Familienplanung vom Staat aus reglementiert. Abgesehen von einigen mitgliedsschwachen ethnischen Randgruppen duerfen Ehepaare nur ein Kind bekommen. Verstoesse koennen den Verlust des Arbeitsplatzes zur Folge haben. Diese harte Regelung leuchtet einem ein, wenn man diese unglaubliche Zahl von 1.300.000.000 mal vor sich sieht, aber im ersten Moment macht man sich ja gra nicht klar, was das im Endeffekt heisst: im Grunde koennen die Worte fuer Bruder und Schwester sowie fuer Onkel, Tante, Nichte, Neffe, Schwager, Schwaegerin usw. komplett aus dem Wortschatz entfernt werden: diese Verwandschaftsbeziehungen gibt es einfach in China (fast) nicht mehr."It's the governments policy, that ethnic minorities are supported", und von denen gibt es immerhin 56 in China. Mich wunderte ja erst, dass diese Minderheiten unterstuetzt werden (sollen), aber die Dozentin war so liberal durchblicken zu lassen, dass zwischen Reden und Handeln auch in China unterschieden werden muss. "A land of contrary positions", in der Tat.Beim Ausflug in die Geschichte der Bevoelkerungsentwicklung haben wir im Zusammenhang mit Intellektuellen, die Mao Vorschlaege zur Koordinierung der Bevoelkerungsentwicklung gemacht haben, einen schoenen neuen Euphemismus gelernt: "They puttted him into jail" - diese von der Rednerin des Vortages schon benutzte Umschreibung heisst wohl nichts anderes als: "Er wurde dafuer vom Staat ermordet". Aber wir wollen ja nicht unhoeflich sein (s. Vortag).Inzwischen haben wir unsere Mensa-Karten bekommen. Aus mehr als einem Dutzend Gerichten kann man hier waehlen, dazu Reis, Hefekloesse (also nicht wirklich Kloesse - die genaue Beschreibung kommt, sobald ich mal einen gegessen habe), verschiedenstes Gebaeck zum Nachtisch - und so kann man sich fuer 3,5 Yuan (35 Eurocent) ein ueppiges Mittagessen zusammenstellen - vielleicht sollte die FH nicht nur auf Studenten-, sonder auch auf Mensakoch-Ebene ein Austasuchprogramm anregen (die armene Chinesen...).Kalligrafie stand fuer diesen Nachmittag auf dem Programm. Die Kunst, chinesische Schriftzeichen mit Tuschefeder und Tinte zu malen. Es ist halt Kunst, also nicht so ganz mein Fall - weder was das Erkennen der Estethik des Abstrakten angeht, noch die praktische Umsetzung. Spass gemacht hat es trotzdem, nicht zuletzt wegen dem sehr guten Dozenten, der seine eigene Freude am Fach sehr gut vermitteln konnte.Das International-Student-Center plant ja einige Ausfluege mit allen Gaesten; heute sind wir zu einer Opernauffuehrung gekarrt worden.Wie Daniel so schoen sagte: "Das Buehnenbild ist noch puristischer als bei Brechts " - und so wird die Phantasie gefordert. Das in einer unfassbar quietschigen Tonlage gesungene und gesprochene Stueck wurde durch wunderbare pantomimische Darstellung ergaenzt. In einem weiteren Teil wurde Akrobatik der Spitzenklasse gezeigt: die Salti schlagenden Maenner und die dargebotene Jonglage mit Stangen gaben ein Bild ab, das schon unwirklich und "unmenschlich" wirkte. Eine wirklich grandiose Vorstellung - und das in einer kurzen Touristenfassung von ca. einer Stunde. Geruechteweise dauert die Pekingoper ja bis zu 6 Stunden.Den angebrochenen Abend wollten wir dann noch nutzen, um etwas trinken zu gehen. Sarah und Lara haben das "Vics" zuvor entdeckt, an dem Mittwochs Ladiesnight ist. Es stellte sich heraus, dass das Vics anscheinend die Nobeldisco Pekings ist: mit 20 Yuan Eintritt und Preisen von 25 Yuan fuer ein Bier sind die Zielgruppen offensichtlich die reichen Pekinger und Auslaender. Eine solche multikulturelle Mischung an Menschen findet man wahrscheinlich nur sehr selten. "Ladiesnight" bedeutete, dass einige Shortdrinks fuer die Frauen umsonst waren, und so hat sich Lara schon gewuenscht, dass wir naechsten Mittwoch im Vics in ihren Geburtstag rein feiern.

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